Gerinnungsselbstmanagement – Was ist das?

Die orale Antikoagulation hat im Rahmen der Primär- und Sekundärprophylaxe von Thromboembolien einen festen Stellenwert. In Deutschland leben ca. 700.000 Menschen, die eine gerinnungshemmende Therapie benötigen. In der Regel sind Patienten mit einem künstlichen Herzklappenersatz, schweren Herzrhythmusstörungen, Herzinsuffizienz, Gerinnungsstörungen und künstlichem Gefäßersatz von der Therapie lebenslang betroffen.

Die gerinnungshemmende Therapie mit oralen Antikoagulantien muss regelmäßig und engmaschig überwacht werden, um Blutungskomplikationen und thrombembolischen Komplikationen vorzubeugen. Dies wird herkömmlicherweise mittels eines Bluttests im Labor (Thromboplastinzeit) getan. Seit 1986 haben Patienten die Möglichkeit ihre gerinnungshemmende Therapie selbst mittels eines Kapillarbluttests zu überwachen. 1995 wurde die Methode des Gerinnungsselbstmanagements erstmalig in den Bundesanzeiger, Produktgruppe 21, aufgenommen. Zahlreiche Studien zeigen, dass durch das Gerinnungsselbstmanagement, im Vergleich zur konventionellen Therapieüberwachung, eine erhebliche Verbesserung der Therapie mit signifikanter Reduktion der Komplikationsrate und damit Kostenersparnis für die Krankenkassen erreicht werden konnte.

Für Patienten, die ihre Antikoagulantien-Therapie selbst überwachen, könnte sich das Sterberisiko unabhängig von der Todesursache um ein Drittel reduzieren, so das Ergebnis dieser Meta-Analyse. Voraussetzung ist, dass die entsprechend geeigneten Personen ausgewählt und dann richtig geschult werden.*

Carl Heneghan von der University of Oxford in Großbritannien und seine Kollegen fassten Daten aus 14 randomisierten Studien zur Selbstüberwachung zusammen. Sie fanden heraus, dass die Selbstüberwachung im Vergleich mit Patienten, die sich nicht selbst überwachten, thrombembolische Vorfälle im Vergleich um 55% reduzierte, die Gesamtsterblichkeit relativ um 39% senkte und die Zahl schwerer Blutungen relativ um 35% verringerte. Sie fanden auch heraus, dass Patienten, die zum Selbstmanagement fähig waren (Selbsttestung und Dosierung) weniger Thrombembolien zeigten und eine geringere Sterblichkeitsrate aufwiesen als Patienten, die sich nur selbst überwachten.
Dr. Heneghan erklärt: „Ein Selbstmanagement kann die Qualität der oralen Antikoagulationstherapie verbessern, so dass Patienten häufiger INR-Werte im therapeutischen Bereich erhalten. So werden die Vorteile verbessert und Nachteile vermindert.**

Die Kosten beim Gerinnungsselbstmanagement liegen zunächst höher als beim Routinemanagement, allerdings ergibt sich ein eindeutiger Kostenvorteil für das Gerinnungsselbstmanagement unter Berücksichtigung der höheren Behandlungskosten der zu erwartenden thrombembolischen und hämorrhagischen Komplikationen in Folge des Routinemanagements.***

 

*The Lancet, 04.02.2006; 367(9508):404-11, Heneghan C et al

**Forum Antikoagulation 1/2006, S. Braun

***Taborski U , Wittstamm FJ , Bernardo A
Cost-effectiveness of self-managed anticoagulant therapy in Germany.
Semin Thromb Hemost . 1999 ;25 (1 ): 103-7